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Über die Wirklichwerdung des geistig Seienden

Dass alles Wirkliche eine Entsprechung in der Menge des geistig Seienden findet, ja dass man was wirklich ist als wirklich gewordenes Geistiges ansehen kann, ist ein zentrales Konzept, eine tra­gende Säule unserer Ontologie. Jedoch ein Konzept, welches wir für gewöhnlich ohne weitere Er­klärungen voraussetzen. In der Schrift Zum Problem des Augenblicks findet es zwar eine ausführli­che Behandlung, jedoch immer nur vor dem Hintergrund der zeitlichen Ordnung des Wirklichen; eine eingehende Untersuchung dieses ontologischen Verhältnisses an sich wird darin nicht gege­ben. Diese Lücke zu schließen schickt sich nun die vorliegende Schrift an. Sie lehnt sich, was ihre Terminologie und Konzepte betrifft, eng an die Schrift Über das geistige Sein und das Denken an und setzt diese vollends voraus. Dass sie nicht mit dieser sogar vereinigt ist, hat seine Rechtferti­gung einerseits darin, dass ihr Gegenstand eben nicht allein das geistige Sein ist, und andererseits in der ausufernden Gestalt und fehlenden thematischen Geschlossenheit, welche man der verei­nigten Schrift nicht ganz hätte absprechen können.

Was wir behandeln wollen, sind drei verschiedene Fragestellungen. Zuerst wollen wir Gründe da­für anführen, warum wir das besagte Verhältnis zwischen Geistes- und Wirklichkeits-Sein über­haupt ansetzen. Zweitens werden wir untersuchen, wie genau eine Menge an geistig Seiendem beschaffen sein muss, die gemeinsam wirklich wird; welche Diskussion die meisten Anleihen in der Ontologie des geistig Seienden machen wird. Nach diesen Überlegungen erst werden wir schließlich den Versuch machen, uns dem eigentlichen Wesen der Wirklichwerdung von geistig Seiendem anzunähern – mehr als eine Annäherung ist auch unmöglich.

Warum also besitzt alles, was wirklich ist, eine geistige Entsprechung? Zunächst einmal lässt sich festhalten, dass Wirkliches und Geistiges kaum unterschiedlicher sein könnten: Das eine ist ein volles, echtes Sein, das sich in seiner Existenz unmittelbar aufdrängt; das andere ein subtileres, schwächeres Sein, das sich aus der eigentümlichen Kohärenz erschließen lässt, mit welcher das Denken noch die komplexesten und strukturreichsten Gegenstände immer wieder in derselben Form denkt. Man könnte auf den ersten Blick in der Tat meinen, dass derart unterschiedliche Seinsformen keinen Berührpunkt miteinander haben können. Doch enthält schon die Definition des geistig Seienden den Hinweis darauf, warum es sich so durchaus nicht verhalten kann: Geistig ist nämlich, was gedacht werden kann. Nun kann man schwer leugnen, dass die in der Wirklich­keit vorkommenden Dinge zumindest prinzipiell dem Denken zugänglich sind. Denn das tatsäch­liche, in die Wirklichkeit eingebettete Denken bildet fortwährend Gegenstände ab, die es in der außerhalb seiner selbst liegenden Wirklichkeit vorfindet. Ja das Vorstellen solcher Gegenstände ist vielleicht seine geringste Leistung, ist es doch in der Lage, zu diesen bemerkenswert heterogene Dinge zu denken. Selbst den Teil der Wirklichkeit abzubilden, welchen das Denken selbst dar­stellt, fiele ihm nicht schwer, wenn es nur außerhalb seiner selbst stehen könnte; kann es sich doch durchaus einzelne Gedanken vorstellen, das ist das Denken als bloße Erscheinung der Wirk­lichkeit, nicht als Erkenntnissubjekt, abbilden.

Die Realisten, denen die Wirklichkeit überhaupt das Liebste ist, werden zweifellos diese Tatsache als ein Indiz dafür ansehen, dass was gedacht wird sich überhaupt bloß aus dem Wirklichen ablei­te, davon ein Abbild oder eine Abstraktion darstelle; und weiterhin behaupten, dass das Wirkliche in jeder Hinsicht das Ursprüngliche und einzig Seiende sei; in welchem dann zufälligerweise eine Erscheinung vorkäme, das Denken, welche andere Erscheinungen darin abbildet. Nur wird es ih­nen schwerfallen, die geradezu unheimliche Konsistenz zu erklären, mit welcher dieses Denken, in den unterschiedlichsten Formen auftretend, immer wieder dieselben Strukturen abbildet. In der Schrift Über das geistige Sein und das Denken hat uns dieses Verhältnis auf eine von jenem ortho­doxen Realismus durchaus verschiedene Sichtweise geführt: dass außer dem offensichtlichen, sich aufdrängenden Sein des Wirklichen noch ein weiteres, eben das in Rede stehende geistige Sein existiert, welches nun, in völliger Umkehrung der Betrachtungsart, das Ursprüngliche, Unwandel­bare darstellt.

Dadurch, dass wir dieses Sein jedoch auf das Denken rückbeziehen, ergibt sich der Berührpunkt von geistigem und wirklichem Sein. Zwar ist das Denken in der Definition Geistig ist, was gedacht werden kann dasjenige eines idealen Verstandes, welcher nie und nirgends existiert; doch stellt dieser eine Idealisierung und Abstraktion dar, die von dem in der Wirklichkeit tatsächlich vorhan­denen Denken ausgeht. Demnach können wir schlussfolgern, dass indem das Denken eine Viel­zahl an Gegenständen der Wirklichkeit abzubilden vermag, wir diesen Gegenständen auch geisti­ges Sein zusprechen können. Weiterhin scheint das real existierende Denken zumindest ansatz­weise in der Lage, durch Zusammensetzung solcher Gegenstände eine potentielle gesamte Wirk­lichkeit abzubilden, sodass dieser Schritt keine grundsätzliche Hürde darstellt und auch eine Wirklichkeit in ihrer Gänze prinzipiell dem Denken zugänglich und damit geistig sein kann. Da­mit haben wir aber noch nicht gezeigt, dass alles, was potentiell wirklich sein könnte, auch denk­bar und somit geistig sein muss. Das ist wir müssen beweisen, dass nichts Undenkbares wirklich werden kann. Hier haben wir es aber mit zweierlei Art von Undenkbarkeit zu tun: Einerseits der Undenkbarkeit im engeren Sinne, die in einer rein denkimmanenten Betrachtungsweise die einzi­ge mögliche ist und die wir auch in Über das geistige Sein und das Denken behandelt haben; welche darin besteht, dass der Verstand ein Objekt vermittelst gewisser Eigenschaften definiert, die aber zu einem inneren Widerspruch in dem Objekt führen, weil sie sowohl implizieren, dass es gewisse Eigenschaften besitzt, als auch dass es sie nicht besitzt. Andererseits aber ist es auch grundsätzlich vorstellbar, dass etwas wirklich werden könnte, das selbst der ideale Verstand nicht denken kann, weil er schon außer Stande ist, auch nur dessen beschreibende Eigenschaften zu denken, das ist sich von diesen einen genauen Begriff zu machen und sie ganz zu erfassen.

Was die Undenkbarkeit im engeren Sinne angeht, so müssen wir, wie schon an anderer Stelle ge­schehen, an das philosophische Prinzip appellieren, dass was unvorstellbar auch schlechterdings unmöglich ist. Tatsächlich ist es gänzlich unvorstellbar, dass ein in sich widersprüchlicher Gegen­stand wirklich werden könnte. Das Denken ist, wie in Über das geistige Sein und das Denken be­merkt ist, das Vehikel jedweder Erkenntnis schlechthin, und was (im engeren Sinne) undenkbar ist, ist unmöglich im weitesten Sinne überhaupt. Wenn also das Denken in einem in der Wirklich­keit vorhanden Gegenstand einen Widerspruch ausmachen sollte – in dieser Richtung muss man es sehen, da die Existenz von etwas Wirklichem unleugbar ist, indem es sich unmittelbar auf­drängt – so müssen wir dies auf einen Irrtum, das ist eine seltene Abweichung von der Norm des idealen Denkens, zurückführen; ist es aber der ideale Verstand, der denkt, so ist das Auftreten ei­nes Irrtums, und somit auch eines solchen Verhältnisses überhaupt, völlig ausgeschlossen.

Die Behandlung der zweiten Art von Undenkbarkeit ist etwas verwickelter. Dass ein Gegenstand der Wirklichkeit, oder eine Wirklichkeit als Ganzes, sich dem Denken entzieht, ohne dass ein Selbstwiderspruch dafür verantwortlich wäre, ist in zwei verschiedenen Weisen vorstellbar. Es könnte entweder sein, dass der Verstand sich von den Eigenschaften eines Gegenstandes an sich schlicht keinen Begriff machen kann, weil sie außerhalb seines Begriffskreises liegen; oder aber es ist entweder ein einzelner Gegenstand oder die Wirklichkeit in ihrer Gesamtheit zu komplex, um für den Verstand erfassbar zu sein, welchen Ausdruck wir in Kürze näher erläutern werden. Auf beide Beschränkungen, seinen zu engen zu Begriffskreis und die zu große Komplexität des zu Denkenden, kann der in der Wirklichkeit vorhandene Verstand stoßen, wenn er versucht, Gegen­stände in der außerhalb seiner selbst liegenden Wirklichkeit abzubilden; weshalb wir oben auch nur davon gesprochen haben, dass dieser viele, aber nicht notwendigerweise alle diese Gegen­stände abzubilden vermag. Die Frage ist nun, ob auch noch der ideale Verstand solchen Beschrän­kungen beim Denken der in der Wirklichkeit vorkommenden Dinge unterliegen könne; und wei­terhin, ob er auch jede beliebige Wirklichkeit als Ganzes zu denken vermöge.

Wir hatten bei der Konstruktion des idealen Verstandes in Über das geistige Sein und das Denken diesem einen unbegrenzten Begriffskreis zugesprochen, auch wenn dieses bemerkenswerte Cha­rakteristikum wohl sein am schwersten fassliches ist. Setzt man dieses jedoch voraus, so ist es un­möglich, dass selbst in der für uns völlig unerkennbaren Unendlichkeit von möglichen Wirklich­keiten eine existiert, in welcher Gegenstände vorhanden sind, von denen sich der Verstand grund­sätzlich keinen Begriff machen kann. Er besitzt gleichsam die Summe der Vorstellungsvermögen aller in all diese Wirklichkeiten (gegebenenfalls hypothetisch) eingebetteten Verstande.

Schwieriger verhält es sich mit der Frage, ob es mögliche Wirklichkeiten gebe, die sich deshalb nicht durch das Denken abbilden lassen, weil sie dafür in dem Sinne zu komplex sind, dass es ei­nes aktual, nicht bloß potentiell unendlichen Verstandes bedürfte, um sie denkend zu erfassen; welcher Begriff aber in sich widersinnig ist, da ein Verstand zwar als zu beliebig vielen und belie­big umfangreichen Denkvorgängen fähig vorgestellt werden kann, aber eben nicht zu unendlich umfangreichen. Dementsprechend hatten wir in Über das geistige Sein und das Denken die denkba­ren Eigenschaften auf diejenigen eingeschränkt, die sich durch den Verstand in endlich vielen Schritten aus elementaren Eigenschaften zusammensetzen lassen; und die denkbaren Objekte auf solche, die sich entweder vermittelst endlich vieler Eigenschaften definieren lassen, oder aber, als Zugeständnis an die ontologische Sichtweise auf das geistig Seiende, die sich durch eine unendli­che Folge von Eigenschaften definieren lassen, deren jeweilige Bildung gemäß einer induktiv zu definierenden Regel vor sich geht und nur eine endliche Anzahl an willkürlichen Wahlen aus ei­ner jeweils endlichen Menge von Eigenschaften beinhaltet. Die Frage ist nun, ob dies für alle po­tentiellen Wirklichkeiten ausreiche. Es ist nämlich einerseits vorstellbar, dass eine Wirklichkeit unendlich viele willkürlich verschiedene Gegenstände in sich enthält, das ist unendlich ausge­dehnt ist; und andererseits, dass Gegenstände darin derart spezifisch sind, dass sie sich weder durch endlich viele Eigenschaften noch eine Eigenschaftsfolge der zuvor beschriebenen Art defi­nieren lassen; das ist eine Wirklichkeit könnte in extensiver oder intensiver Weise dergestalt un­endlich sein, dass sie sich nicht erfassen lässt.

Man könnte meinen, eine extensive Unendlichkeit stelle kein eigentliches Problem dar, da die Wirklichkeit dann zwar nicht in einem Stück und auf einmal gedacht werden könnte (sofern sich die Gegenstände darin nicht durch eine endliche Regel allesamt erzeugen lassen), aber eben jedes Ding, das sie enthält, für sich; sodass in diesem Sinne der Grundsatz Alles was wirklich ist, kann auch wahrgenommen werden jedenfalls erfüllt wäre. Jedoch lässt sich eine Wirklichkeit nicht als bloße Ansammlung dieser Dinge betrachten, da diese in ihr in ein Stück gegossen sind. Die ge­samte Wirklichkeit muss daher, wie wir noch unten näher ausführen werden, ein denkbares Ob­jekt sein. Ebenso mag es erscheinen, dass die Möglichkeit, Objekte vermittelst einer unendlichen Folge von Eigenschaften zu definieren, es ausschließe, dass die Wirklichkeit in intensiver Weise zu komplex ist, um gedacht werden zu können. Doch stellt dies nur die Denkbarkeit von Elementen aus Mengen von der Mächtigkeit des Kontinuums sicher, etwa eines physischen Gegenstandes, dessen Abmessungen durch reelle Zahlen beschrieben sind, oder eines visuellen Eindrucks, der sich als stetige Funktion in den reellen Zahlen darstellen lässt. Ein Bild hingegen, welches an je­dem Punkte der reellen Ebene in willkürlicher Weise grün oder rot wäre, könnte etwa nicht wirk­lich werden, da es Element einer Menge ist, die von der Mächtigkeit der Potenzmenge des Konti­nuums ist.

Jedoch haben wir hier eine wichtige Tatsache noch nicht berücksichtigt: Die Wirklichkeit selbst ist an die Wahrnehmung geknüpft, denn wirklich ist, was wahrgenommen wird; und die Wahr­nehmung wiederum muss von einer wahrnehmenden Instanz, einem Subjekt ausgehen. Vermit­telst dieses Rückbezugs werden die möglichen Wirklichkeiten durch die Beschränkungen des Wahrnehmens selbst beschränkt, ähnlich wie die Charakteristika des idealen Denkens das mögli­che geistig Seiende eingrenzen. Die Natur der Wahrnehmung aber ist nun dergestalt, dass sie sich nicht auf eine unendliche Menge von verschiedenen Dingen zugleich richten kann; das Wahrneh­men, wie es allein vorgestellt werden kann, hat immer einen fest umgrenzten Bereich, eine wohl­definierte endliche Ansammlung von Dingen zum Gegenstand. Damit löst sich der Einwand ge­gen die Denkbarkeit alles Wirklichen, welcher aus der möglichen extensiv unendlichen Gestalt der Wirklichkeit sich ergibt, sogleich auf.

Auch das Vorhandensein eines Dinges von intensiver Unendlichkeit in der Wirklichkeit wird letztlich durch die endliche Natur des Wahrnehmens ausgeschlossen, jedoch tritt diese dabei in ei­ner anderen Spielart auf. Und zwar kann ein Objekt nicht Gegenstand der Wahrnehmung sein, wenn es unendlich merkmalsreich ist. Gesetzt, dass es möglich ist, für zwei verschiedene Objekte ein Maß für ihre Verschiedenheit unter der Wahrnehmung anzugeben (welches auch den Wert unendlich annehmen kann), welchen Begriff wir unten noch einer näheren Betrachtung unterzie­hen werden: Dann nennen wir ein Objekt unendlich merkmalsreich, wenn für eine beliebige end­liche Menge von gebundenen Eigenschaften dieses Objekts in der von dieser Eigenschaftsmenge gebildeten Klasse Objekte vorhanden sind, deren Verschiedenheit größer als eine feste Konstante ist. Wenn man berücksichtigt, dass das Hinzufügen von Eigenschaften zu einer erzeugenden Ei­genschaftsmenge die entstehende Klasse allenfalls verkleinern kann und somit die maximale Ver­schiedenheit in derselben sich dadurch reduziert oder gleich bleibt, ergibt sich, dass ein Objekt nicht unendlich merkmalsreich ist, wenn es sich durch endlich viele Eigenschaften festlegen lässt oder zumindest eine Folge von Eigenschaften des Objekts derart existiert, dass die maximale Ver­schiedenheit in den von den Teilfolgen erzeugten Klassen gegen null konvergiert.

Um nachzuweisen, dass ein Objekt letzteres Kriterium erfüllen muss, um wahrgenommen werden zu können, führen wir uns zunächst vor Augen, dass das wahrnehmende Subjekt einen Gegen­stand seiner Wahrnehmung vermittelst gewisser Merkmale, das ist seiner Ausprägung in verschie­denen Hinsichten, erfasst und von anderen vorstellbaren Gegenständen, die an seine Stelle treten könnten, unterscheidet. Ein Merkmal kann dabei als kleinste Grundeinheit des Wahrgenommenen betrachtet werden; dementsprechend müssen wir die Menge der Merkmale auch als frei von jeder Redundanz ansehen, das ist jedes einzelne Merkmal ist unentbehrlich, um den wahrgenommenen Gegenstand festzulegen. Als Grundbausteine eines wahrgenommenen Gegenstandes lassen sich die Merkmale weiterhin nur als derart einfach vorstellen, dass sie grundsätzlich durch das Denken abbildbar sind in dem Sinne, dass sie entweder durch eine einzelne denkbare Eigenschaft des Ge­genstandes wiedergegeben werden können oder aber durch eine Folge solcher Eigenschaften, so­dass die Folgeglieder eine sukzessive Spezifizierung leisten, das ist schon die erste Eigenschaft spannt gemeinsam mit den sonstigen Eigenschaften des Gegenstandes eine Klasse auf, in welcher die Verschiedenheit der Objekte endlich ist, und die Hinzunahme weiterer Eigenschaften der Fol­ge lässt diese gegen null konvergieren. Letztere Möglichkeit ist ein Zugeständnis an die Tatsache, dass wir uns das Wahrgenommene in seinen jeweiligen Ausprägungen prinzipiell als kontinuier­lich variierend vorstellen können, das ist die Wahrnehmung greift den tatsächlich wirklichen Ge­genstand aus einem Kontinuum zu diesem ähnlicher Gegenstände heraus. Die Ausprägung eines Gegenstandes in einer bestimmten Hinsicht kann aber immer noch als einfach angesehen werden, wenn sie in der freien Wahl aus einem Kontinuum besteht. Nur ist es das seiner Natur nach endli­che Denken, welches eine solche nicht mehr anhand einer einzelnen Eigenschaft wiedergeben kann, weshalb wir auch Eigenschaftsfolgen der besagten Art für die Abbildung von Merkmalen zulassen müssen.

Entsprechend diesen Überlegungen können wir eine Merkmalszerlegung eines Objekts definieren als eine Menge von Eigenschaften oder derartigen Eigenschaftsfolgen, die gemeinsam das Objekt eindeutig festlegen, wobei keines der Elemente der Menge entfernt werden könnte, ohne dass das Objekt nicht mehr eindeutig bestimmt wäre. Unter Verwendung des Cantorschen Diagonalverfahrens und der Tatsache, dass in einer gegen null konvergierenden Folge ab einem be­stimmten Punkt nur noch endliche Werte auftreten können, zeigt man, dass ein Objekt genau dann nicht unendlich merkmalsreich gemäß der oben gegebenen Definition ist, wenn es eine end­liche Merkmalszerlegung besitzt. Letzteres aber müssen wir für Objekte, die Gegenstand der Wahrnehmung sind, annehmen. Denn die endliche Natur des Wahrnehmens manifestiert sich nicht nur darin, dass nur endlich viele Dinge wahrgenommen werden können, sondern auch in der Beschränkung, dass keine Dinge mit unendlich vielen Merkmalen Gegenstand der Wahrneh­mung sein können, da sich diese sonst auf all diese unendlich vielen Merkmale zugleich richten müsste. An dieser Stelle ließe sich anführen, dass die beschriebene Merkmalszerlegung ja keines­wegs eindeutig ist; und fragen, welche denn dann die eigentliche sei, die die Merkmale abbildet, anhand derer das wahrnehmende Subjekt einen Gegenstand erfasst. Wir werden uns dieser Frage unten widmen und finden, dass sie zu einem gewissen Grade sinnlos ist; was aber hier wichtig ist, ist dass das Argument dafür, dass ein wahrgenommener Gegenstand nicht unendlich merkmals­reich sein kann, dadurch nicht berührt wird. Denn wenn es notwendigerweise eine endliche Men­ge an Merkmalen geben muss, die einen Gegenstand der Wahrnehmung festlegen, diese Menge sich aber durch eine Merkmalszerlegung, wie sie oben definiert wurde, abbilden lässt, so muss es mindestens eine solche, endliche Merkmalszerlegung geben. Ob ein Objekt unendlich merkmals­reich ist oder nicht, muss man sich ohnehin als ein diesem intrinsisches Charakteristikum vorstel­len, welches sich in dem Vorhandensein oder Fehlen einer endlichen Merkmalszerlegung bloß ma­nifestiert.

Jedenfalls bedeutet die Tatsache, dass ein wahrgenommener und darum wirklicher Gegenstand nicht unendlich merkmalsreich sein kann, dass er auch gedacht werden kann. Tatsächlich erlaubt die Definition der Denkbarkeit, die wir voraussetzen, sogar das Denken von Objekten, die darüber hinausgehen, was Gegenstand der Wahrnehmung sein kann, indem sie unendlich merkmalsreich sind; ermöglicht doch die Definition eines Objekts durch eine unendliche Folge beliebiger Eigen­schaften auch solche Objekte, für welche die Verschiedenheit innerhalb der durch die Teilfolgen erzeugten Klassen nicht gegen null konvergiert.

Insgesamt haben wir somit, vermittelst einer weitverzweigten Argumentation, vollumfänglich nachgewiesen, dass was wirklich ist auch gedacht werden kann. Notgedrungen mussten wir dabei schon etwas von den ontologischen Betrachtungen über das Wirkliche vor dem Hintergrund sei­ner geistigen Entsprechung vorwegnehmen. Den hauptsächlichen Gegenstand der Untersuchung werden diese im folgenden Teil der Schrift darstellen.

Wenden wir uns nun also der Struktur des geistig Seienden, das wirklich wird, gemeinsam die Wirklichkeit bildet, zu. Vor allem anderen müssen wir einen scheinbaren Widerspruch auflösen, der sich aus der Weise ergibt, in der wir über das wirklich gewordene Geistige an verschiedenen Stellen sprechen; wobei wir zugleich die allgemeine Frage nach dessen Natur aufklären werden. Diese scheinbare Inkonsistenz besteht darin, dass einerseits mehrmals in dieser Schrift und sinn­gemäß auch anderswo die Rede davon ist, dass einzelne Dinge gemeinsam die Wirklichkeit bilden, welches Verhältnis im Grunde auch schon nahegelegt wird durch die Formulierung, dass „Geisti­ges wirklich wird“, welche die Auszeichnung einer Teilemenge innerhalb der Gesamtmenge des Geistigen evoziert; andererseits aber wir oben erklärt hatten, dass das Wirkliche ein einziges Ob­jekt sein muss, wie auch der Begriff der „Wirklichkeit“ an eine Einheit, an eine Entität aus einem Guss denken lässt. Zunächst lässt sich festhalten, dass rein formal, unter Zugrundelegung des Ob­jektbegriffs aus Über das geistige Sein und das Denken, was wirklich ist sich als ein einziges Objekt denken lassen muss. Denn die einzelnen Erscheinungen des Wirklichen, jeweils für sich genom­men und unverbunden nebeneinander stehend, können nicht mit der Gesamtheit des Wirklich­keitserlebens durch das wahrnehmende Subjekt gleichgesetzt werden; es besteht notwendig ein Unterschied dazwischen. Etwa sind ein akustischer Eindruck eines Geräuschs und ein visueller Eindruck eines Bildes, zusammengenommen aber unverbunden, schlicht etwas anderes als eine Wirklichkeit, in der das wahrnehmende Subjekt beide zugleich empfängt; die bekannte Behaup­tung, dass das Ganze mehr als die Summe seiner Teile sei, trifft hier voll und ganz zu. Da wir uns aber das Denken als fähig vorstellen, das Wirkliche in seiner Gänze exakt abzubilden, bedeutet die Tatsache, dass es nicht in Teile zerlegt werden kann, ohne etwas von seinen Eigenschaften einzu­büßen, dass es auch eine Einheit des Denkens und des geistigen Seins, das ist ein Objekt sein muss.

Die geistig seienden Objekte, die eine Wirklichkeit in ihrer Gesamtheit abbilden können, können wir als Elemente einer eigenen Domäne von Objekten (im Sinne der Terminologie, die in Über das geistige Sein und das Denken eingeführt wurde) betrachten. Denn es ist keine Ureigenschaft vor­stellbar, anhand derer man diese spezielle Art von Objekten in einen noch größeren Zusammen­hang von Denkbarem einbetten könnte. Wie die Menge der Objekte innerhalb dieser Domäne strukturiert sei, ist grundsätzlich sehr schwierig zu ergründen, wenn auch nicht völlig unmöglich; denn dies muss vermittelst des in der Wirklichkeit vorhandenen, inidealen Verstandes geschehen, dem es aber, da er in eben dieser Wirklichkeit sich vorfindet, nicht allzu leicht fällt, mögliche Wirklichkeiten in ihrer Gesamtheit zu denken, insbesondere solche, die sich ihrem Wesen nach fundamental von der seinigen unterscheiden. Es ist jedoch anzunehmen, dass die uns wohlbe­kannte Art von Wirklichkeiten, welche sich aus sinnlichen, wie etwa visuellen, akustischen und sensorischen Eindrücken sowohl als auch Empfindungen und Gedanken zusammensetzen, einem gemeinsamen Universum innerhalb der in Rede stehenden Domäne angehört. Ob dieses jedoch auch das Einzige darin sei, ist eine sehr schwere Frage. Dass es das nicht ist, lässt sich zumindest nicht ausschließen, da wir nicht wissen können, was jenseits der engen Grenzen des Begriffskrei­ses liegt, der dem inidealen Verstande eigen ist, und was für Arten von Wirklichkeiten, die sich womöglich gänzlich heterogen zu der bekannten darstellen, ein idealer Verstand denken könnte.

Obwohl eine Wirklichkeit als ein einzelnes Objekt gedacht werden kann, bleibt ihre grundsätzli­che Zerlegbarkeit in einzelne Erscheinungen oder Dinge darin unbestritten. Für die Art von Wirk­lichkeit, die wir kennen, ist das eindeutig der Fall: Die Zerlegung in die einzelnen Typen der sinn­lichen Eindrücke, Gefühle und Gedanken drängt sich unmittelbar auf; darüber hinaus ist eine wei­tergehende Zergliederung dieser Eindrücke, etwa des visuellen Eindrucks in einzelne darin vor­kommende physische Gegenstände, häufig sehr naheliegend. Formal betrachtet ist jede einzelne solche Erscheinung eine Teilmenge der Eigenschaften des Objekts, das die Wirklichkeit in ihrer Gesamtheit darstellt, welche jeweils gemeinsam die Ausprägung der Wirklichkeit an einer be­stimmten Stelle beschreiben, wobei letzterer Begriff im übertragenen, nicht bloß auf eine räumli­che Position bezogenen Sinne zu verstehen ist; eine Stelle der Wirklichkeit in diesem Verständnis könnte nicht nur etwa ein Ausschnitt eines visuellen Eindrucks sein, was noch der üblichen Be­deutung weitestgehend entspräche, sondern beispielsweise auch ein Bestandteil des akustischen Eindrucks oder eine Ausprägung des Empfindens in einer bestimmten Hinsicht. Diese Eigen­schaften sind vermittelst Relationen gebildet, welche die Stelle, an welcher die Erscheinung auf­tritt, mit einer Eigenschaft, welche die Erscheinung charakterisiert, verschmelzen. Die Erschei­nungen (welche wir auch als Dinge bezeichnen können) aber haben stets, und das ist in diesem Zusammenhang ein ganz entscheidender Punkt, eine Entsprechung in einem denkbaren Objekt, welches sich in einer ganz anderen Domäne als dieser speziellen, die möglichen Wirklichkeiten enthaltenden befindet. Denn es ist einer der charakteristischsten Züge des Denkens, dass es in der Wirklichkeit vorkommende Dinge aus deren Verbund herauszulösen und in ihren natürlichen, rein seinen eigenen Gesetzmäßigkeiten entspringenden Zusammenhang zu stellen vermag. Mehr noch: Die Eigenschaften, die in den Universen der besagten speziellen Domäne vorkommen, sind diesen Universen nicht genuin entsprungen, wenn man von deren jeweiligen Ureigenschaften so­wie den Eigenschaften, die Stellen in einer Wirklichkeit angeben, absieht; allein diese speziellen, gewissermaßen inhaltsleeren Eigenschaften, sowie die Relationen, das ist die Weisen, auf welche neue Eigenschaften gebildet werden, sind diesen Universen ganz und gar eigentümlich. Stattdes­sen stammen die Eigenschaften, die ein Ding der Wirklichkeit charakterisieren (welche dann wie­derum, wie oben beschrieben, mit einer Eigenschaft zusammengefügt werden, die eine Stelle in der Wirklichkeit angibt), ursprünglich aus dem Universum, welches das dem Ding entsprechende Objekt enthält. Diese sind dann, vermittelst des in Über das geistige Sein und das Denken beschrie­benen Vorgangs, in das Universum eingebunden, das die Wirklichkeit in ihrer Gesamtheit enthält: Eine spezielle Relation aus dem Ursprungsuniversum macht eine Eigenschaft aus diesem unge­bunden; und eine spezielle Relation aus jenem Universum macht diese ungebundenen Eigen­schaft, die Objekten in verschiedenen Universen zukommen kann, wieder gebunden, das ist bin­det sie darin ein.

In Anbetracht dieser Verhältnisse erweist sich, dass beide Sicht- und Sprechweisen bezüglich des wirklich gewordenen geistig Seienden in einer jeweiligen Hinsicht sich als sinnvoll darstellen. Un­ter dem formalen Gesichtspunkt ist alles wirklich gewordene geistig Seiende bloß ein einzelnes Objekt, das ist eine einzige Einheit des geistig Seienden; jedoch in Ansehung der Bildungsweise dieses Objekts ist unter dem inhaltlichen Gesichtspunkt und seinem eigentlichen Wesen nach das wirklich gewordene geistig Seiende als eine Ansammlung von Objekten zu betrachten, die ge­meinsam, jedes an seiner Stelle der Wirklichkeit, wirklich werden. Allerdings ist zu berücksichti­gen, dass eine Zerlegung der Wirklichkeit in solche Objekte nicht notwendigerweise eindeutig ist. Ein einfaches Beispiel ist etwa der visuelle Eindruck, der sich offensichtlich in verschiedener Wei­se in einzelne Dinge zerlegen lässt. In einem solchen Fall besitzt das eine Objekt, das die Wirklich­keit darstellt, welches gewissermaßen die Dinge darin einhüllt, schlicht für jede der möglichen Zerlegungen einen Satz von Eigenschaften, die das Vorhandensein der jeweiligen Dinge an ihren jeweiligen Stellen angeben; welche Eigenschaften eben nicht im Widerspruch zueinander stehen und sich dem einhüllenden Objekt allesamt zusprechen lassen, wenn sich jede solche Zerlegung von diesem tatsächlich vornehmen lässt.

Eine Forderung, die unsere Metaphysik an die Wirklichkeit stellt, ist dass sie solipsistisch und präsentistisch ist. Wir wollen kurz betrachten, wie sich diese beiden Charakteristika in dem geis­tig Seienden, das wirklich werden kann, niederschlagen müssen. Zunächst finden wir, dass eine traditionelle nicht solipsistische, insbesondere realistische Wirklichkeit im Rahmen unserer Onto­logie aufgrund der Weise, wie diese aufgebaut ist, gar nicht durch geistig Seiendes in irgendeiner Weise sich wiedergeben ließe. Es gibt zwar durchaus geistige Objekte, die ein Ensemble von Ge­genständen im realistischen Sinne, das ist wahrnehmungsunabhängig darstellen; doch kann ein solches auch in der Sichtweise des Realismus nicht die Wirklichkeit in ihrer Gesamtheit wiederge­ben, indem es die unleugbar darin vorhandenen subjektiven Eindrücke und Wahrnehmungen nicht wiedergibt. Aufgrund der merkwürdigen Inkonsistenz, mit welcher der Realismus zwischen subjektivem und objektivem Standpunkt unterscheidet, lässt sich eine hypothetische Wirklichkeit im Sinne des Realismus in ihrer Gänze kaum durch ein wohldefiniertes denkbares Objekt abbil­den. Was sich aber durchaus durch ein wohldefiniertes denkbares Objekt abbilden lässt, ist eine hypothetische Wirklichkeit, wie sie in den Epilegomena zur Metaphysik beschrieben ist: Ein Ne­beneinander von durch unabhängige wahrnehmende Subjekte jeweils wahrgenommenen Teil­wirklichkeiten, die gemeinsam die Wirklichkeit bilden. Solche können aber, wie ebenda unter Rück­griff auf die wesenhafte Bedeutung des Satzes Wirklich ist, was wahrgenommen wird gezeigt ist, nicht eine tatsächliche Wirklichkeit darstellen. Deshalb müssen solche einhüllenden geistigen Objekte, in welchen nicht alle Dinge amalgamartig miteinander verbunden und in eins gegossen sind, sondern teilweise auch unverbunden nebeneinander stehen, davon ausgeschlossen sein, wirklich werden zu können. Solche Objekte können wir als Elemente einer eigenen Domäne ansehen, die eng verwandt ist mit derjenigen, welche die Objekte enthält, die tatsächlich wirklich werden können, weil sie alle in der Wirklichkeit vorkommenden Dinge in der Weise vereinigen, dass sie als von einer einzigen wahrnehmenden Instanz wahrgenommen sich darstellen und die Wirklichkeit somit unitär bleibt. Nicht vorausgesetzt ist hingegen, dass eine Wirklichkeit ein Ichbewusstsein, Gedanken oder Empfinden enthalten müsse, da dies nicht Teil des solipsistischen Postulats ist.

Was wiederum den präsentistischen Charakter der Wirklichkeit angeht, so hat dieser zur Folge, dass die Natur der Stellen in der Wirklichkeit, die wir oben eingeführt haben, niemals eine zeitliche Dimension haben darf; eine einzelne potentielle Wirklichkeit kann immer nur zugleich sein. In einzelnen Dingen innerhalb der Wirklichkeit kann sich eine zeitliche Ordnung durchaus manifestieren, etwa in Erinnerungen, welche in der Wirklichkeit vorkommen, oder wenn der Verstand sich eine Erzählung vergegenwärtigt, in welcher Ereignisse aufeinanderfolgen; das ist die zeitliche Ordnung als Charakteristikum zu besitzen, welche durch und durch denkbar ist und in den Eigenschaften vieler geistig seiender Objekte vorkommt, verhindert nicht grundsätzlich, dass solche Dinge wirklich werden können; sie darf nur nicht das einhüllende Objekt, das die gesamte Wirklichkeit darstellt, strukturieren.

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