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Über die Wirklichwerdung des geistig Seienden

Dass alles Wirkliche eine Entsprechung in der Menge des geistig Seienden findet, ja dass man was wirklich ist als wirklich gewordenes Geistiges ansehen kann, ist ein zentrales Konzept, eine tragende Säule unserer Ontologie. Jedoch ein Konzept, welches wir für gewöhnlich ohne weitere Erklärungen voraussetzen. In der Schrift Zum Problem des Augenblicks findet es zwar eine ausführliche Behandlung, jedoch immer nur vor dem Hintergrund der zeitlichen Ordnung des Wirklichen; eine eingehende Untersuchung dieses ontologischen Verhältnisses an sich wird darin nicht gegeben. Diese Lücke zu schließen schickt sich nun die vorliegende Schrift an. Sie lehnt sich, was ihre Terminologie und Konzepte betrifft, eng an die Schrift Über das geistige Sein und das Denken an und setzt diese vollends voraus. Dass sie nicht mit dieser sogar vereinigt ist, hat seine Rechtfertigung einerseits darin, dass ihr Gegenstand eben nicht allein das geistige Sein ist, und andererseits in der ausufernden Gestalt und fehlenden thematischen Geschlossenheit, welche man der vereinigten Schrift nicht ganz hätte absprechen können.

Was wir behandeln wollen, sind drei verschiedene Fragestellungen. Zuerst wollen wir Gründe dafür anführen, warum wir das besagte Verhältnis zwischen Geistes- und Wirklichkeits-Sein überhaupt ansetzen. Zweitens werden wir untersuchen, wie genau eine Menge an geistig Seiendem beschaffen sein muss, die gemeinsam wirklich wird; welche Diskussion die meisten Anleihen in der Ontologie des geistig Seienden machen wird. Nach diesen Überlegungen erst werden wir schließlich den Versuch machen, uns dem eigentlichen Wesen der Wirklichwerdung von geistig Seiendem anzunähern – mehr als eine Annäherung ist auch unmöglich.

Warum also besitzt alles, was wirklich ist, eine geistige Entsprechung? Zunächst einmal lässt sich festhalten, dass Wirkliches und Geistiges kaum unterschiedlicher sein könnten: Das eine ist ein volles, echtes Sein, das sich in seiner Existenz unmittelbar aufdrängt; das andere ein subtileres, schwächeres Sein, das sich aus der eigentümlichen Kohärenz erschließen lässt, mit welcher das Denken noch die komplexesten und strukturreichsten Gegenstände immer wieder in derselben Form denkt. Man könnte auf den ersten Blick in der Tat meinen, dass derart unterschiedliche Seinsformen keinen Berührpunkt miteinander haben können. Doch enthält schon die Definition des geistig Seienden den Hinweis darauf, warum es sich so durchaus nicht verhalten kann: Geistig ist nämlich, was gedacht werden kann. Nun kann man schwer leugnen, dass die in der Wirklichkeit vorkommenden Dinge zumindest prinzipiell dem Denken zugänglich sind. Denn das tatsächliche, in die Wirklichkeit eingebettete Denken bildet fortwährend Gegenstände ab, die es in der außerhalb seiner selbst liegenden Wirklichkeit vorfindet. Ja das Vorstellen solcher Gegenstände ist vielleicht seine geringste Leistung, ist es doch in der Lage, zu diesen bemerkenswert heterogene Dinge zu denken. Selbst den Teil der Wirklichkeit abzubilden, welchen das Denken selbst darstellt, fiele ihm nicht schwer, wenn es nur außerhalb seiner selbst stehen könnte; kann es sich doch durchaus einzelne Gedanken vorstellen, das ist das Denken als bloße Erscheinung der Wirklichkeit, nicht als Erkenntnissubjekt, abbilden.

Die Realisten, denen die Wirklichkeit überhaupt das Liebste ist, werden zweifellos diese Tatsache als ein Indiz dafür ansehen, dass was gedacht wird sich überhaupt bloß aus dem Wirklichen ableite, davon ein Abbild oder eine Abstraktion darstelle; und weiterhin behaupten, dass das Wirkliche in jeder Hinsicht das Ursprüngliche und einzig Seiende sei; in welchem dann zufälligerweise eine Erscheinung vorkäme, das Denken, welche andere Erscheinungen darin abbildet. Nur wird es ihnen schwerfallen, die geradezu unheimliche Konsistenz zu erklären, mit welcher dieses Denken, in den unterschiedlichsten Formen auftretend, immer wieder dieselben Strukturen abbildet. In der Schrift Über das geistige Sein und das Denken hat uns dieses Verhältnis auf eine von jenem orthodoxen Realismus durchaus verschiedene Sichtweise geführt: dass außer dem offensichtlichen, sich aufdrängenden Sein des Wirklichen noch ein weiteres, eben das in Rede stehende geistige Sein existiert, welches nun, in völliger Umkehrung der Betrachtungsart, das Ursprüngliche, Unwandelbare darstellt.

Dadurch, dass wir dieses Sein jedoch auf das Denken rückbeziehen, ergibt sich der Berührpunkt von geistigem und wirklichem Sein. Zwar ist das Denken in der Definition Geistig ist, was gedacht werden kann dasjenige eines idealen Verstandes, welcher nie und nirgends existiert; doch stellt dieser eine Idealisierung und Abstraktion dar, die von dem in der Wirklichkeit tatsächlich vorhandenen Denken ausgeht. Demnach können wir schlussfolgern, dass indem das Denken eine Vielzahl an Gegenständen der Wirklichkeit abzubilden vermag, wir diesen Gegenständen auch geistiges Sein zusprechen können. Damit haben wir aber noch nicht gezeigt, dass alles, was potentiell wirklich sein könnte, auch denkbar und somit geistig sein muss. Das ist wir müssen beweisen, dass nichts Undenkbares wirklich werden kann. Hier haben wir es aber mit zweierlei Art von Undenkbarkeit zu tun: Einerseits der Undenkbarkeit im engeren Sinne, die in einer rein denkimmanenten Betrachtungsweise die einzige mögliche ist und die wir auch in Über das geistige Sein und das Denken behandelt haben; welche darin besteht, dass der Verstand ein Objekt vermittelst gewisser Eigenschaften definiert, die aber zu einem inneren Widerspruch in dem Objekt führen, weil sie sowohl implizieren, dass es gewisse Eigenschaften besitzt, als auch dass es sie nicht besitzt. Andererseits aber ist es auch grundsätzlich vorstellbar, dass Objekte wirklich werden könnten, die selbst der ideale Verstand nicht denken kann, weil er schon außer Stande ist, auch nur die beschreibenden Eigenschaften zu denken, das ist sich von diesen einen genauen Begriff zu machen und sie ganz zu erfassen.

Was die Undenkbarkeit im engeren Sinne angeht, so müssen wir, wie schon an anderer Stelle geschehen, an das philosophische Prinzip appellieren, dass was unvorstellbar auch schlechterdings unmöglich ist. Tatsächlich ist es gänzlich unvorstellbar, dass ein in sich widersprüchlicher Gegenstand wirklich werden könnte. Das Denken ist, wie in Über das geistige Sein und das Denken bemerkt ist, das Vehikel jedweder Erkenntnis überhaupt, und was (im engeren Sinne) undenkbar ist, ist im weitesten möglichen Sinne unmöglich. Wenn also das Denken in einem in der Wirklichkeit vorhanden Gegenstand einen Widerspruch ausmachen sollte – in dieser Richtung muss man es sehen, da die Existenz von etwas Wirklichem unleugbar ist, indem es sich unmittelbar aufdrängt – so müssen wir dies auf einen Irrtum, das ist eine seltene Abweichung von der Norm des idealen Denkens, zurückführen; ist es aber der ideale Verstand, der denkt, so ist das Auftreten eines Irrtums, und somit auch eines solchen Verhältnisses überhaupt, völlig ausgeschlossen.

Die Behandlung der zweiten Art von Undenkbarkeit ist etwas verwickelter. Dass ein Gegenstand der Wirklichkeit sich dem Denken entzieht, ohne dass ein Selbstwiderspruch dafür verantwortlich wäre, ist in zwei verschiedenen Weisen vorstellbar. Es könnte entweder sein, dass der Verstand sich von den Eigenschaften dieses Gegenstandes an sich keinen Begriff machen kann, weil sie außerhalb seines Begriffskreises liegen; oder aber der Gegenstand ist zu komplex, um für den Verstand erfassbar zu sein, welchen Ausdruck wir in Kürze näher erläutern werden. Auf beide Beschränkungen kann der in der Wirklichkeit vorhandene Verstand stoßen, wenn er versucht, Gegenstände in der außerhalb seiner selbst liegenden Wirklichkeit abzubilden; weshalb wir oben auch nur davon gesprochen haben, dass dieser viele, aber nicht notwendigerweise alle diese Gegenstände abzubilden vermag. Die Frage ist nun, ob auch noch der ideale Verstand solchen Beschränkungen beim Denken der in der Wirklichkeit vorkommenden Dinge unterliegen könne.

Wir hatten bei der Konstruktion des idealen Verstandes in Über das geistige Sein und das Denken diesem einen unbegrenzten Begriffskreis zugesprochen, auch wenn dieses bemerkenswerte Charakteristikum wohl sein am schwersten fassliches ist. Setzt man dieses jedoch voraus, so ist es unmöglich, dass selbst in der für uns völlig unerkennbaren Unendlichkeit von möglichen Wirklichkeiten eine existiert, in welcher Gegenstände vorhanden sind, von denen sich der Verstand grundsätzlich keinen Begriff machen kann. Er besitzt gleichsam die Summe der Vorstellungsvermögen aller in all diese Wirklichkeiten (gegebenenfalls hypothetisch) eingebetteten Verstande.

Schwieriger verhält es sich mit der Frage, ob es mögliche Wirklichkeiten gebe, die sich deshalb nicht durch das Denken abbilden lassen, weil sie dafür in dem Sinne zu komplex sind, dass es eines aktual, nicht bloß potentiell unendlichen Verstandes bedürfte, um sie denkend zu erfassen; welcher Begriff aber in sich widersinnig ist, da ein Verstand zwar als zu beliebig vielen und beliebig umfangreichen Denkvorgängen fähig vorgestellt werden kann, aber eben nicht zu unendlich umfangreichen. Dementsprechend hatten wir in Über das geistige Sein und das Denken die denkbaren Eigenschaften auf diejenigen eingeschränkt, die sich durch den Verstand in endlich vielen Schritten aus elementaren Eigenschaften zusammensetzen lassen; und die denkbaren Objekte auf solche, die sich entweder vermittelst endlich vieler Eigenschaften definieren lassen; oder aber, als Zugeständnis an die ontologische Sichtweise auf das geistig Seiende, die sich durch eine unendliche Folge von Eigenschaften definieren lassen, deren jeweilige Bildung gemäß einer induktiv zu definierenden Regel vor sich geht und nur eine endliche Anzahl an willkürlichen Wahlen aus einer jeweils endlichen Menge von Eigenschaften beinhaltet. Die Frage ist nun, ob dies für alle potentiellen Wirklichkeiten ausreiche. Es ist nämlich einerseits vorstellbar, dass eine Wirklichkeit unendlich viele willkürlich verschiedene Gegenstände in sich enthält, das ist unendlich ausgedehnt ist; und andererseits, dass Gegenstände darin derart spezifisch sind, dass sie sich weder durch endlich viele Eigenschaften noch eine Eigenschaftsfolge der zuvor beschriebenen Art definieren lassen; das ist eine Wirklichkeit könnte in extensiver oder intensiver Weise dergestalt unendlich sein, dass sie sich nicht erfassen lässt.

Man könnte meinen, eine extensive Unendlichkeit stelle kein eigentliches Problem dar, da die Wirklichkeit dann zwar nicht in einem Stück und auf einmal gedacht werden könnte (sofern sich die Gegenstände darin nicht durch eine endliche Regel allesamt erzeugen lassen), aber eben jedes Ding, das sie enthält, für sich; sodass in diesem Sinne der Grundsatz Alles was wirklich ist, kann auch wahrgenommen werden jedenfalls erfüllt wäre. Doch lässt sich eine Wirklichkeit in der Regel nicht in scharf voneinander getrennte Dinge zerlegen, und selbst wenn dies der Fall ist, so können wir die Wirklichkeit nicht als bloße Ansammlung dieser Dinge betrachten, das diese in ihr in ein Stück gegossen sind. Die gesamte Wirklichkeit muss daher, wie wir noch unten näher ausführen werden, ein denkbares Objekt sein. Ebenso mag es erscheinen, dass die Möglichkeit, Objekte vermittelst einer unendlichen Folge von Eigenschaften zu definieren, es ausschließe, dass die Wirklichkeit in intensiver Weise zu komplex ist, um gedacht werden zu können. Doch stellt dies nur die Denkbarkeit von Elementen aus Mengen von der Mächtigkeit des Kontinuums sicher, etwa eines physischen Gegenstandes, dessen Ausdehnung durch reelle Zahlen beschrieben sind, oder eines visuellen Eindrucks, der sich als stetige Funktion in den reellen Zahlen darstellen lässt. Ein Bild hingegen, welches an jedem Punkte der reellen Ebene in willkürlicher Weise grün oder rot wäre, könnte etwa nicht wirklich werden, da es Element einer Menge ist, die von der Mächtigkeit der Potenzmenge des Kontinuums ist.

Jedoch haben wir hier eine wichtige Tatsache noch nicht berücksichtigt: Die Wirklichkeit selbst ist an die Wahrnehmung geknüpft, denn wirklich ist, was wahrgenommen wird; und die Wahrnehmung wiederum muss von einer wahrnehmenden Instanz, einem Subjekt ausgehen. Vermittelst dieses Rückbezugs werden die möglichen Wirklichkeiten durch die Beschränkungen des Wahrnehmens selbst beschränkt, ähnlich wie die Charakteristika des idealen Denkens das mögliche geistig Seiende eingrenzen. Die Natur der Wahrnehmung aber ist nun dergestalt, dass sie sich nicht auf eine unendliche Menge von verschiedenen Dingen zugleich richten kann; das Wahrnehmen, wie es allein vorgestellt werden kann, hat immer einen fest umgrenzten Bereich, eine wohldefinierte endliche Ansammlung von Dingen zum Gegenstand. Damit löst sich der Einwand gegen die Denkbarkeit alles Wirklichen, welcher aus der möglichen extensiv unendlichen Gestalt der Wirklichkeit sich ergibt, sogleich auf.

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